Die Werra
 Flußstimmung Werra, einer der beiden Hauptquellflüsse der Weser, 292 bzw. 298 km lang (davon 58 km schiffbar), entspringt am SW-Hang des Thüringer Waldes in der Nähe des Rennsteiges , die genaue Quelle und demzufolge auch die genaue Länge der Werra ist jedoch umstritten. Einzugsgebiet 5487 qkm, fließt durch das Buntsandsteintafelland südlich des Thüringer Waldes und danach um den NW des Thüringer Waldes, bricht zwischen Hessischem Bergland und Hainich durch Muschelkalkfelsen, um sich bei Hann. Münden mit der Fulda zur Weser zu vereinigen
Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büssen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.
Vielleicht ist der Reim aus Hann.Münden und das ihm zugrunde liegende Kuriosum des Namenswechsels das Bekannteste an der Werra. Außer den Anrainern kennen wohl nur wenige den Fluss. Kein Wunder, war die Werra doch lange Zeit praktisch innerdeutsche Grenze.

Werratal - Grenzland
Schon in vorgeschichtlicher Zeit war die Werra Grenzland und trennte Kelten und Germanen, später Franken und Thüringer. Nach kurzzeitiger Vereinigung der Ländereien unter den Thüringer Landgrafen bildet sie bis heute über weite Strecken die Grenze zwischen Thüringen und Hessen mit all der Kleinkariertheit der Kleinstaaterei. Zahlreiche Burgen hoch über der Werra zeugen von dieser Zeit.
Tragisch wurde der verwickelte Grenzverlauf, als die thüringisch-hessische Grenze zur Frontlinie des Kalten Krieges wurde. Gewachsene Ortverbände, Verwandtschaftsbeziehungen und Traditionen wurden einfach gekappt, Orte mittendurch geteilt oder vollständig mit Stacheldraht umzäunt. Die kleine Gemeinde Großburschla im mittleren Werralauf ist solch ein trauriges Beispiel.

Grünes Band
 Felsental Ein bißchen makaber, aber auch ein wenig Glück im Unglück ist eine andere Seite der Grenzabschottung: Auf westlicher Seite des Eisernen Walls war die "Welt zu Ende". Kaum jemand verirrte sich da hin, nennenswerte Industrie entwickelte sich nicht. Auf östlicher Seite gab es für DDR-Bürger ein regelrechtes Sperrgebiet, eingeteilt in 5-km-Zone und 500-m-Zone, in die man nur mit besonderem Passierschein kam. Tourismus oder Wandern war undenkbar, Landwirtschaft und Forst nur unter militärischer Aufsicht. Nach der Wende war der Grenzstreifen lange Zeit suspekt, wer wusste schon genau, ob alle Minen geräumt seien.
So entwickelte sich über Jahrzehnte die Natur relativ ungestört und manch botanisches Juwel wie seltene Orchideenarten fand seine Nische im später "Grünes Band" genannten Grenzstreifen. Wenn auch schon einige Abschnitte in Wirtschaftsland verwandelt sind, ist das Grüne Band über weite Strecken erhalten und kurz vor seiner "Entdeckung" als eine der interessantesten Naturlandschaften Deutschlands.

 Creuzburg - Schwesternburg der Wartburg an der Furt zwischen Hessen und Thüringen Wisera - Wiesenfluß
Auch die Werra trug kräftig zur Besonderheit dieser Region bei. Im Südthüringischen und im hessischen Unterlauf macht sie ihrem germanischen Namen Wisera - Wiesenfluß- alle Ehre: Beiderseits von den Werrarandgebirgen wie Meißner und Eichsfeld eingefasst, wird das Ufer von breiten Wiesen gesäumt, nur hin und wieder von kleinen Ortschaften mit viel Fachwerk unterbrochen. Kies und Sand aus dem Oberlauf im Thüringer Wald bilden hier die Böden. Immer wieder trifft man auf Kieswerke. Hoch über der Werra, in idealer und atemberaubender Lage auf den Felshorsten der Randgebirge, liegen zahlreiche Burgen wie zum Beispiel die des Rennfahrers von Hanstein oder die Creuzburg als Schwesternburg der Wartburg.

 Felsklippen über der Werra Werra-Durchbruchstal
Im Mittellauf konnte die Werra nicht mehr den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Durch einen kleinen Grabenbruch südlich Creuzburg in eine Richtung gezwängt, mußte sich die Urwerra am Hainich durch eine Schwelle aus Muschelkalk hindurcharbeiten, regelrecht durchbrechen. Folge ist eine einmalige Landschaft rund um das Werraknie von Creuzburg über Mihla bis Treffurt, in der schwindelerregende Felsen bis direkt an den Fluß herantreten. An manchen Stellen fallen die Felsklippen fast senkrecht ab. Großartige Ausblicke hinab ins Flusstal bieten sich dem Klippenwanderer, während der Wasser- und Radwanderer staunend den Kopf in den Nacken legt.
Gerade im Durchbruchstal ist die Landschaft besonders naturnah. Mehrere Naturschutzgebiete säumen die Werra, Radweg und Werra führen zum Teil direkt hindurch. Hier gibt es sogar das einzige Werrastück, in dem sich keine öffentliche Straße mit Lärm und Abgasen entlang zieht. Die ehemals im Sperrgebiet gelegenen Örtchen sind besonders idyllisch.
Nahe Creuzburg windet sich die ehemalige Grenze dramatisch auf und ab durch die Risszone des Grabenbruches.
Der Kalkboden und die Werrahänge bringen natürliche Trockenrasen hervor, ideale Bedingungen für heimische wilde Orchideen. In großer Zahl und breiter Artenvielfalt kann sie der kundige Wanderer finden. In den Auen dagegen findet man Bärlauch und den exotischen Aronstab, eine Gleitfallenpflanze. In den unzugänglichen Hängen wachsen die sonst verdrängten Eiben, der "weise alte Mann des Waldes", brütet der selten gewordene Uhu.
Großartige Landschaft, naturbelassener Flusslauf, Naturschutzgebiete und romantische Wanderwege ohne Hauptverkehrsstraßen. Kein Wunder, dass das Werradurchbruchstal zwischen Mihla und Creuzburg vom Fernsehen zum schönsten Teil des Werratals gekürt wurde (MDR Thüringen-Journal vom 30.07.04)

Stimmen
"Die Werra ist landschaftlich ein sehr reizvoller Fluß. ... Wir empfehlen die Strecke ab Creuzburg über Treffurt bis Eschwege, welche landschaftlich eine sehr schöne und kurzweilige Etappe darstellt."
www.eschweger-kanuclub.de

"Die beschriebene Route ist wirklich ein Highlight. Landschaftlich und kulturell bietet die Strecke sehr viel. Neben reichlich Natur durchradelt man nette Ortschaften. ... An der Werra findet man noch viel urige Naturlandschaften mit Wäldern und Naturschutzgebieten. ... Sogar Täler ohne Straße kann man hier auf dem Rad erleben! ... Die Werra ist viel uriger als die Weser. Es gibt weniger Ortschaften und mehr Natur. Die Hügel links und rechts des Weges sind meist bewaldet. ... Die Strecke an der Werra ist vollkommen flach und einfach zu radeln. ... Zudem gibt es endlich mal regionale Spezialitäten auf der Speisekarte."
Diemel-Werra-Tour von Rad-Globetrotter Ingo Harrach, Brühl, www.bikesite.de


Schiff, Floß, Waid & Salz
Außer auf den ersten Kilometern im Thüringer Wald verlaufen die Wasser der Werra eher ruhig. Stromschnellen gibt es eigentlich nicht, hin und wieder ist eine Muschelkalkschwelle noch nicht ganz abgeschliffen und Geröll bringt bei Niedrigwasser die ruhigen Bahnen etwas durcheinander. Wasserwanderer haben kaum etwas zu befürchten, lediglich die Wehre müssen gemieden werden. Na klar!
Trotz des ruhigen Verlaufes ist die Fließgeschwindigkeit merklich, Wasserwandern - jedenfalls über weite Strecken- deshalb nur flußab möglich.

Die Werra war früher bis Wanfried an der hessischen Grenze schiffbar und im Mittelalter wichtiger Verkehrsweg vom mitteldeutschen Raum zur Nordsee und ihren Kaufmannsgilden. Wanfried als Endpunkt des Werrahandels gelangte zu Wohlstand und Ansehen, die mittelalterlichen Fachwerkhäuser des Flusshafens, des Rathauses und der Bürger sind heute noch sehr sehenswert und Teil der Deutschen Fachwerkstraße.

Ab Wanfried flußauf wurde der Handel mit und auf Flößen betrieben. 3 Produkte waren dabei von besonderer Bedeutung: Holz, Salz, Waid
Flöße bestanden natürlich aus Holz, welches selbst einen Hauptzweck der Flößerei darstellte. Überall entlang des Flusses fanden sich Abnehmer für Bauholz, welches etwa ab dem 16.Jahrhundert vor allem in dichter besiedelten Gebieten nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stand. "Eingebunden" wurde vor allem in Südthüringen. Wernshausen zwischen Thüringer Wald und Rhön war ein Hauptort. Neben der Langholzflößerei gab es auch die Scheitholzflößerei. Scheitholz wurde nicht durch eine Besatzung geflößt, sondern nur zu bestimmten Zeiten "eingeworfen" und an Stapelplätzen mit Rechen aus dem Fluß gefischt.
Scheitholz war Brennholz, an der salzreichen Werra vor allem für die unersättlichen Öfen der Salinen benötigt, z.B. in Sooden Allendorf.
Salz war also direkt mit der Flößerei verbunden. Auch wurden Zölle, Stapelgelder und Entschädigungen häufig mit Salz gezahlt. Salz war überregional wichtig und wurde im Fernhandel in alle Windrichtungen gebracht, bevorzugt natürlich auf dem bequemen Weg von Werra und Weser. Schon die salzerfahrenen Kelten waren bis Salzungen vorgedrungen, um die Salzvorkommen zu nutzen.
Bis ins 15.Jahrhundert war Waid sehr wichtig. Die Pflanze wurde im klimatisch begünstigten fruchtbaren Thüringer Becken um Erfurt angebaut. Die Stadt verdankt dem aus Waid hergestellten Farbstoff ("Erfurt macht Europa blau") viel von ihrer Größe und Architektur. Der einfachste Weg zu den Handelszentren Westeuropas war der direkte Landweg über die "Hohe Straße" quer durch den Hainich zur Werra in Mihla. Direkt am Fluß waren heute noch existierende feuchte Keller im Prallhang der Werra angelegt. Der Waid wurde dort zwischengelagert und auf Flöße umgeladen.


Salz - vor allem Kalisalz - war es, was ein ökologisch finsteres Kapitel der Werra schrieb. Nachdem die Vorkommen um das bekannte Bad Sooden-Allendorf nur noch zu Kurzwecken genutzt wurde, entwickelte sich die Gegend um Merkers beiderseits der Werra zu riesigen unterirdischen Abbaugebieten. Ein riesiger Abraumberg, im Volksmund "Kalimandscharo" genannt, ist selbst von der Autobahn A4 aus zu sehen.
Folge war, dass der Salzgehalt der Werra höher als der der Nordsee war. Fische starben aus, nur noch Aal und stellenweise die robuste Regenbogenforelle waren zu fangen. Die Werra fror auch im strengsten Winter nicht mehr zu. Hessische und Thüringische Industrie schoben sich gegenseitig die Schuld an dieser Umweltkatastrophe zu.
Mit der Wende änderte sich das. Die Thüringische Kali-Industrie wurde abgewickelt, die Hessische zurückgefahren. Der Salzgehalt sank und die Werra erholte sich innerhalb einiger Jahre. Ende der 1990er Jahre fror sie erstmals wieder an den Rändern zu, mittlerweile gibt es große Mengen jungen Weißfisch im Fluß und arbeitslose Kalibergleute am Fluß, Mutige baden bereits wieder in der Werra.
Namen
Warum nun Werra und Fulda ihren Namen lassen müssen? Eigentlich stimmt das ja nicht. Jedenfalls nicht für die Werra. Kennt man den bereits erwähnten alten Namen "Wisera" für die Werra, ahnt man schnell, dass die Namen "Werra - Wisera -Weser" gar nicht so weit auseinanderliegen. Und tatsächlich gehen die heutigen Namen auf das alte Wirraha/Wisera (Endung -aha für Wasser/Fluß ähnlich dem lateinischen -aqua) für den gesamten Flußlauf von Werra und Weser zurück. Im Laufe einer Lautverschiebung im Mittelalter wurde jedoch im niedersächsisch-niederdeutschen Sprachgebiet aus Wisera die Werser, später Weser, während im thüringisch-hochdeutschen Raum das "Wirraha" zur Werra wurde. Für unsere Vorfahren war also klar, dass die etwas kleinere Fulda ein Nebenfluss der Wisera war. Sei es wie sei, immerhin trägt das Namenswirrwar ein wenig dazu bei, uns den großartigen Fluss in Erinnerung zu bringen.
2004 Hainichwanderer

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